Allgemein27. Februar 2026

Die Macht der Schrift (inkl. meiner 10 Typografie-Regeln)

Warum gute Typo nicht „nice to have“ ist – sondern über Wirkung, Vertrauen und Lesbarkeit entscheidet

In meinem Alltag als Art Directorin bei Onelio arbeite ich an Markenauftritten, Kampagnen, Websites und Content-Formaten. Dabei begegnet mir ein Fehler immer wieder: Typografie wird von vielen deutlich unterschätzt und als reine Geschmacksfrage behandelt. Warum das ein fataler Irrtum für deine Marke ist und wie du es besser machst, erkläre ich dir in diesem Artikel.

Typografie ist nicht bloß Gestaltung. Sie ist ein mächtiges strategisches Werkzeug. Sie beeinflusst, wie professionell, glaubwürdig, hochwertig oder nahbar eine Marke wahrgenommen wird – oft schon in Millisekunden. Noch bevor jemand den Inhalt wirklich gelesen hat.

In unserer neuesten Folge des Onelio-Podcasts „Pitch nach 3“ haben wir darüber gesprochen: warum Typografie so viel Macht hat, welche Fehler wir ständig sehen und wie man mit ein paar klaren Regeln sofort bessere Ergebnisse erzielt. In diesem Artikel fasse ich die wichtigsten Punkte aus der Folge komprimiert für euch zusammen.

Warum Typografie die Stimme deiner Marke ist

Wenn mich Kund:innen fragen, wie ich Typografie erkläre, vergleiche ich sie gerne mit der Stimme einer Marke. Typografie ist der visuelle Tonfall, in dem ein Text gelesen wird. Stell dir einfach mal den simplen Satz „Melde dich bei mir.“ vor:

  • Liest du ihn in einer eleganten Serifenschrift (wie Times New Roman oder Merriweather), wirkt er seriös, verbindlich und traditionell.
  • Liest du ihn in einer klaren, fetten Groteskschrift (serifenlos, wie Arial oder Roboto) in Großbuchstaben, klingt er laut, technisch und fast wie ein Befehl.
  • Liest du ihn in Comic Sans… tja, dann nimmt dich im B2B-Umfeld sehr wahrscheinlich niemand ernst.

Das ist im Grunde die typografische Variante des Vier-Ohren-Modells von Schulz von Thun. Es schwingt immer eine Emotion, eine Haltung und eine Botschaft mit. Gute Typografie ordnet nicht nur Informationen, sie lenkt das Auge, sorgt für eine gute User Experience (UX) und baut Vertrauen auf.

Corporate Typografie: Meine 10 Regeln aus dem Agenturalltag

Egal, ob du eine neue Website planst, Social-Media-Ads baust oder einen kompletten Markenauftritt kreierst – gutes Design ist zu 90 % sauberes Handwerk. Wenn du diese 10 Regeln beachtest, bist du gestalterisch auf der sicheren Seite:

1. Vermeide Schriften-Chaos

Verabschiede dich vom PowerPoint-Puzzle! Fünf verschiedene Schriften in einem Layout wirken, als würden fünf Leute gleichzeitig auf den Leser einreden. Meine Faustregel: zwei Schriftfamilien pro Design reichen völlig aus. Nutze eine markante Schriftart für die Überschriften und eine extrem gut lesbare für den Fließtext. In vielen Fällen reicht sogar eine einzige Familie mit verschiedenen Schriftschnitten.

2. Lesbarkeit schlägt Stil (Immer!)

Die abgefahrenste Trend-Schrift bringt dir nichts, wenn deine Zielgruppe am Smartphone raten muss, was dort steht. Respektiere die Zeit deiner Leser! Das gilt auch für Videos auf Social Media: Wer Untertitel für wilde Animationen opfert, verschenkt Aufmerksamkeit und ignoriert grundlegende Barrierefreiheit im Netz. Lesbarkeit ist kein Kompromiss – sie ist die Grundlage.

3. Schaffe klare Hierarchien

Wenn alles gleich aussieht, ist alles gleich unwichtig. Leite das Auge des Lesers! Nutze unterschiedliche Größen, Schriftschnitte (wie Regular, Medium oder Bold) und Weißraum, um H1, H2, H3 und Fließtexte optisch sofort voneinander abzugrenzen. Das freut übrigens nicht nur den Leser, sondern im Falle von Websites auch den Google-Crawler.

4. Achte auf ausreichend Kontrast

Kontrast entsteht durch Farbe, Größe, Stil und Gewicht. Prüfe Schriften vorab immer auf dem Smartphone, um die Lesbarkeit unter mobilen Bedingungen zu sichern.

5. Gib deinem Text Luft zum Atmen

Ist der Zeilenabstand (line-height) zu eng, baust du eine undurchdringliche Textwand auf. Ist er zu weit, verliert das Auge den Anschluss zur nächsten Zeile. Der Sweet Spot für Fließtexte liegt in der Regel zwischen 130 % und 150 %. Auch die Laufweite (Tracking) zählt!

6. Begrenze die Zeilenlänge

Niemand möchte den Kopf vor einem breiten Desktop-Monitor wie bei einem Tennis-Match von links nach rechts bewegen. Zu lange Zeilen ermüden massiv. Eine Faustregel für gute Lesbarkeit: Halte Textcontainer so schmal, dass etwa 50 bis 75 Zeichen in eine Zeile passen.

7. Blocksatz: Mit Vorsicht genießen

Blocksatz muss man können, nicht nur aktivieren. Wenn du den Textsatz im jeweiligen Medium nicht manuell feinjustieren kannst, ist linksbündiger Flattersatz in den meisten Fällen die bessere und lesefreundlichere Lösung.

8. Prüfe den kompletten Zeichensatz

Nichts wirkt unprofessioneller als fehlende Umlaute (Ä, Ö, Ü), ein fehlendes „ß“ oder unpassende Sonderzeichen. Teste die Schriftfamilie vorab auf Herz und Nieren.

9. Der Schriftcharakter muss zur Marke passen

Eine Kanzlei braucht eine andere Typografie als ein Tech-Startup. Wenn Typografie und Markencharakter nicht zusammenpassen, entsteht Reibung – und die Marke wirkt nicht authentisch.

Die entscheidende Frage ist also: „Welche Schrift unterstützt unsere Markenwirkung?“

10. Effekte retten keine schlechte Typografie

Nutze keine billigen Effekte. Glow, bunte Outlines, 3D-Verzerrungen und Schlagschatten im Fließtext: Lass es. Wirklich. Wahre Qualität entsteht durch einen sauberen Textsatz, Struktur und Konsistenz.

Ausnahmen gibt es natürlich: In Plakaten, Kampagnenmotiven oder künstlerischen Arbeiten können Effekte bewusst eingesetzt werden, wenn sie Teil des Konzepts sind. Entscheidend ist, dass der Effekt Gestaltungsmittel ist – und nicht die Lösung für schwache Typografie.

Best Practice: Was bedeutet das strategisch für Marken?

Typografie ist kein reiner Selbstzweck. Ein starkes Praxisbeispiel, das wir auch im Podcast besprochen haben, ist Volvo. Die Automarke hat vor einiger Zeit eine eigene Hausschrift entwickelt (Volvo Centrum). Das Spannende daran: Die Schrift ist absichtlich sehr schlicht und unauffällig gestaltet. Warum macht ein Weltkonzern sowas? Weil Volvo als Marke den Kernwert Sicherheit vertritt. Die neue Typografie ist radikal darauf optimiert, auf digitalen Auto-Displays in Bruchteilen von Sekunden erfasst zu werden. Das bedeutet: Der Fahrer muss kürzer auf den Bildschirm schauen und hat den Blick schneller wieder auf der Straße.

Dieses Beispiel zeigt großartiges, nutzerzentriertes Branding. Volvo stellt den Drang, gestalterisch „laut“ aufzufallen, komplett in den Hintergrund und fokussiert sich zu 100 % auf den Nutzen (und die Sicherheit) der Kunden.

Mein Fazit als Art Directorin: Gute Typografie fällt nicht auf, sie funktioniert

Wenn die Typografie nicht funktioniert, hilft dir oft auch das schönste Layout nicht weiter. Denn Typografie beeinflusst direkt, wie wir Inhalte wahrnehmen und verarbeiten – und damit zentrale Faktoren wie:

  • Lesbarkeit (wie schnell Inhalte erfasst werden)
  • Vertrauen (wie professionell ein Auftritt wirkt)
  • Wiedererkennung (wie konsistent eine Marke erscheint)
  • Conversion (ob Headlines, CTAs und Inhalte überhaupt gelesen werden)

Bevor du also das nächste Mal wahllos eine Schrift für eine Kampagne auswählst, frag dich lieber: Welche Stimme soll meine Marke haben – und was soll sie bei meiner Zielgruppe auslösen?

Wenn du unsicher bist, ob euer aktueller Markenauftritt den richtigen Ton trifft, schauen wir bei Onelio gern gemeinsam drauf und bringen Struktur – und vor allem Lesbarkeit – in eure Brand. Meld dich einfach bei uns!

Hier geht’s zur Folge


Tipp: Wenn ihr noch tiefer in das Thema eintauchen – und hören wollt, warum Comic Sans zum Opfer ihrer eigenen Popularität wurde– hört unbedingt in die aktuelle Folge unseres Podcasts „Pitch nach 3“ rein!

Worauf du bei Schriftlizenzen achten solltest:

1. Nicht jede „kostenlose“ Schrift ist kommerziell nutzbar

„Free Download“ heißt oft nur: kostenlos für private Nutzung. Für Kundenprojekte, Websites, Kampagnen oder Produkte braucht es meist eine kommerzielle Lizenz.

2. Die Lizenz hängt vom Einsatzbereich ab

Je nach Anbieter gibt es unterschiedliche Lizenzarten, zum Beispiel für:

  • Desktop / Print (Layouts, PDFs, Präsentationen)
  • Web (Einbindung auf Websites, oft nach Pageviews gestaffelt)
  • App / Software / Embedding
  • Social Media / Video / Werbung (je nach Anbieter unterschiedlich geregelt)
  • Logo / Markenanwendung (manchmal erlaubt, manchmal mit Einschränkungen)

3. Anzahl der Nutzer:innen (Seats) prüfen

Viele Lizenzen gelten nur für eine bestimmte Anzahl an Arbeitsplätzen bzw. Nutzer:innen. Wenn mehrere Personen im Team mit der Schrift arbeiten, muss das in der Lizenz abgedeckt sein.

Merksatz: Lieber 10 Minuten Lizenz prüfen als später teuer nachlizenzieren – oder ein fertiges Design neu bauen.

Über die Autorin

Jennifer Schicker

Jenny ist als Art Directorin Teil des Teams der Onelio Werbeagentur in Düsseldorf. Mit ihrer Expertise in Corporate Branding und Design Thinking sorgt sie dafür, dass Marken nicht nur gesehen, sondern auch verstanden werden. 

Durch ihren Bachelor of Arts in Grafikdesign (Diploma Hochschule) und langjährige praktische Erfahrung, unter anderem in ihrer Selbstständigkeit als Graphikdesignerin, bringt sie ihr kreatives Know-how in jedes Projekt ein – immer mit dem Fokus auf visuelle Kommunikation und UX/UI Design. 

Mit ihrem klaren Blick für Details und einer tiefen Leidenschaft für funktionales Design geht es für Jenny bei Onelio nicht nur um Ästhetik, sondern um ganzheitliche Markenkonzepte, die sowohl visuell ansprechen als auch intuitiv funktionieren. 

j.schicker@onelio.de
0211 819 9710 

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